Warum "Palmen aus Plastik" mich nicht loslässt
Ausschnitte der 3 "Palmen aus Plastik" Cover Artworks: RAF Camora und Bonez MC in weißen oder schwarzweißen Outfits vor einer Treppe in Barcelona

 

Ich erinnere mich besser als gedacht an den 9. September 2016. Als RAF Camora und Bonez MC den ersten Teil ihrer "Palmen aus Plastik"-Reihe droppen, bin ich hyped wie ein Kind aufs Geschenkeauspacken an Weihnachten. Ich will ein Teil dieser "Geschichte" sein, die im März Fahrt aufgenommen hat. Weil ich die Kombo aus Deutschrap und Dancehall supporten will, bestelle ich sogar die Box vor – es ist bis heute meine einzige geblieben.

"Palmen aus Plastik": Eine bittersüße Erinnerung

Am 9. September geht es für mich und drei Freunde Richtung Norditalien. Der Flug geht früh, die Box fürs Album brauchen wir noch früher. Mit sämtlichem Gepäck fahre ich zu meinem Homie, den viele als King Deusi kennen. Niemand hat mir so viel über Reggae und Dancehall beigebracht wie dieser eingefleischte Sizzla-, Capleton- und damals auch 187-Fan, der jedes Wochenende irgendwo in Mitteleuropa mit seiner Crew Reggae 2 Rumble als Selecta unterwegs ist. Mein Artikel über die musikalische Reise auf "Palmen aus Plastik 2" wäre ohne ihn nicht möglich gewesen.

Wo auch immer der Bruder heute sein mag, ich bin sicher, er hat eine irrational große Tüte im Mundwinkel und lässt ein Air Horn nach dem anderen über die Wolken hallen. Das Release von "Palmen aus Platik 3" wird er nicht mehr erleben. Rest easy, Deusi!

Jedenfalls misstraue ich damals noch Finanzdingen im Internet, weshalb Deusi das Album einmal für sich und einmal für mich bestellt. Wir schaukeln uns in den Wochen vor Release immer weiter hoch in unserer Vorfreude, "Palmen aus Plastik", "Mörder" oder "Ruhe nach dem Sturm" sind je Stunden nach Release bereits fester Bestandteil einiger seiner Sets.

Deutschrap, Reggae, Dancehall: Reanimation für eine alte Liebe

Wir teilen die Hoffnung, dass die Kombination unserer Leidenschaften für Deutschrap und Reggae/Dancehall hier endlich einen würdigen und zeitgemäßen Präzedenzfall bekommt.

Und tatsächlich holt das Album – genauso wie die leider in Vergessenheit geratene EP mit Trettmann – mich genau dort ab, wo ich im Hype Train mitfahre. Gerade nochmal getestet: Bis heute kriege ich Gänsehaut, wenn die beiden Patwah sprechenden Jungs im Intro mich auf den Einstieg von "Ciao Ciao" vorbereiten. "Wir wollen die Welt oder gar nix", sind die ersten Worte des ersten Songs.

Steig weiter hoch und weiß nicht, wann's ein Ende gibt / laufe ohne Fesseln an den Beinen von der Kreisliga rein in die Champions League – RAF auf Ciao Ciao

Auf dem Album, das neben Karate Andis "Turbo" zum Soundtrack des Italien-Urlaubs wird, fühlt es sich tatsächlich so an, als hätten RAF und Bonez ihre Fesseln gesprengt. Nicht dass sie vorher nicht auch experimentiert hätten, mit RAF 3.0 etabliert der Wiener bereits 2012 ein Alter Ego, bei dem Reggae und Dancehall eine zentrale Rolle spielen. Aber die Chemie stimmt, beide haben eine tief verwurzelte Connection zu den jamaikanischen Genres und teils zur Soundsystem-Kultur. Während RAF nicht zuletzt für seine akribischen Produktionen bekannt ist, bringt Bonez jede Menge Bauchgefühl in das explosive Gemisch. Gesucht und gefunden.

"Palmen aus Plastik" ist VIEL mehr als "Ohne mein Team"

Die Kombination ergänzt und pusht sich. Das schlägt sich auf "Palmen aus Plastik" in einer Fülle unterschiedlichster Ausprägungen der Musik nieder. Eurodance-Samples mit Dancehall-Drums auf dem Titeltrack, strictly Dancehall auf "Mörder", eine moderne Interpretation mit Drill-Einflüssen bei "Evil" mit Tommy Lee Sparta, Afrotrap auf "Ohne mein Team". Auf "Ruhe nach dem Sturm" geht es nachdenklicher und entschleunigter zu, das Pendel schlägt eher Richtung Roots Reggae aus – ähnlich wie bei "Dankbarkeit". Der letzte Track "Daneben" lässt einen mit verträumtem Kitschkrieg-Trademark-Sound in einem Schwebezustand das Album verlassen.

Alles hat durch die Produktionen von RAF, X-plosive, Beataura und Co. musikalisch einen ganz eigenen Touch. Bonez' Härte und Humor holen Straßenvibes dazu, die Dancehall aus Deutschland zuvor vermissen lässt, die in Jamaika aber lange zur Tagesordnung gehören.

Weil ich ein kleiner verklemmter Hater bin, ist "Ohne mein Team" natürlich am wenigsten mein Fall. Zu mainstream-tauglich, für meinen Geschmack zu nah an MHDs "Afro Trap Pt. 5 – Ngatie Abedi". Angeblich sei der Mann, der als Posterboy des Afro-Trap-Genres gilt, sogar als Feature geplant gewesen. Im Nachhinein hat ausgerechnet dieser Song sich in eine ganz eigene Sphäre katapultiert und die Leute teilweise vergessen lassen, was für ein unfassbar vielfältiges Album "Palmen aus Plastik" ist.

RAF Camora x Bonez MC: Erfolg in anderen Dimensionen

Dass zwei Jahre später ein zweiter Teil der Reihe erscheint, ist angesichts der nie dagewesenen Erfolge im deutschen Rap keine Überraschung. Was RAF und Bonez in dieser Zeit anfassen, wird Gold, Platin und manchmal sogar Diamant. In manchen Wochen droppen wir Erfolgsmeldung nach Erfolgsmeldung als Artikel und die Menschen lieben es, zu sehen, wie RAF und Bonez alles wegrasieren. "Palmen aus Plastik 2" ist dann sogar so erfolgreich, dass man in RAFs Heimat die Chart-Regeln verändert. Das sind die Levels, von denen wir sprechen.

Das Album hat definitiv wieder unterschiedliche Facetten zu bieten. Insbesondere in "Kokain" und "Nummer unterdrückt" verbeugt das Duo sich vor karibischen Vorbildern und Inspirationen wie Spragga Benz, Aidonia und Busy Signal (wo genau und wie genau, könnt ihr hier nachlesen). Darüber hinaus hat das Album Hits und Ohrwürmer en masse.

"500 PS" ist (Stand: Juli 2022) laut Spotify auf einem Level mit "Ohne mein Team", "Kokain" ist ebenfalls längst im 9-stelligen Aufrufbereich, "Nummer unterdrückt" und "Risiko" werden wohl auch eines Tages 100 Millionen knacken. Ob nun von der Kreisliga in die Champions League oder wortwörtlich aus dem Underground auf den Zenit – der Weg von RAF und Bonez ist beispiellos.

Die "Palmen aus Plastik"-Formel

Längst ist der Sound meinem kleinen Kosmos entwachsen und begeistert Hunderttausende, wenn nicht Millionen. 2022 blasen RAF und Bonez nun ein "Letztes Mal" zum gemeinsamen Angriff auf Chart-Regeln, Eurodance-Hits, Reggae und Dancehall. In der ersten "PaP 3"-Single wird "Around The World" von ATC (2000) gesampelt, Synthie-Flächen zu Beginn erinnern mich kurz an den Einstieg in "Ciao Ciao", bevor der Uptempo-Beat mit schätzungsweise 500 PS einsetzt. Dabei passt der gesampelte Songtitel gar nicht mal schlecht. "Palmen aus Plastik" war von Anfang ein sehr international ausgerichtetes Album. Nicht nur durch die unterschiedlichen Einflüsse in der Musik, sondern auch bei den Musikvideos. Hier nimmt Shaho Casado uns bei "Letztes Mal" mit auf eine Reise durch die letzten sechs Jahre und kreiert Anspielungen auf die Locations und die Looks unterschiedlicher Clips, die er seit 2016 für RAF und Bonez gezaubert hat – all around the wold.

Beim musikalischen Konzept bleibt die Wien-Hamburg-Connection sich treu: Am 15. Juli 2016 war es Culture Beats Überhit "Mr. Vain" von 1993, exakt sechs Jahre später sind nun es ATC. Die Formel, die nach dem Erfolg von "PaP" unter anderem bei den gemeinsamen Songs "500 PS" ("Freestyler", 1999), "Kokain" ("Be My Lover", 1995), "Blaues Licht" ("Blue (Da Ba Dee)", 1999) oder "2CB" von RAF und Luciano ("Join Me", 1999, allerdings kein Eurodance) Anwendung gefunden hat, wird weiter konsequent durchgezogen.

Eine bekannte Melodie wird in einem neuen Song eingewoben – mal subtiler, mal ganz klar zu erkennen. Manche mögen das konsequent und feierbar finden, weil man auf bewährte Melodien abgehen und diese dann schnell mitsingen kann. Material, um die großen Arenen zu füllen und große Gefühle zu wecken. Kleine und verklemmte Hater finden das vielleicht irgendwann ausgelutscht, aber wer gibt schon viel auf deren Meinung?

"Palmen aus Plastik 3" schließt den Kreis

Wenn also am 9. September, exakt sechs Jahre nach dem ersten Album der letzte Teil der Trilogie erscheint, dann werde ich wieder ganz genau hinhören, Samples suchen und beim Dechiffrieren von Dancehall-Anspielungen den guten alten King Deusi vermissen. Ein letztes Mal freue ich mich, die Perlen zwischen den Hits zu finden, die RAF und Bonez zweifelsohne wieder auf die Beine gestellt haben werden.

Und auch wenn der Titel "Palmen aus Plastik 4" so manchen Fans irgendwann durch den Kopf gehen wird, hoffe ich, dass das Duo hier ähnlich konsequent bleibt wie bei der "PaP"-Formel. Der Kreis, der sich Anfang September schließt, ist zu rund, um daran nachträglich nochmal zu rütteln.

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