Warum Kalims "Odyssee 579" ein Klassiker ist

 

Es trifft einen unvermittelt: "Ich mach dich weg aus 'nem weißen 63". Die Line hämmert im Kopf, es herrscht Krieg. 110 ist keine Option. Es braucht nicht viel und du bist mittendrin – auf einer Irrfahrt, die nie deine war und trotzdem bis ins Mark durchschlägt. 2016 hat sich Kalim mit dem Release von "Odyssee 579" für einen unbequemen Weg entschieden. Statt ein Debütalbum im West-Coast-Stil seines gefeierten Mixtapes "Sechs Kronen" zu droppen, lieferte er einen Trap-beeinflussten Soundtrack, der schonungslos ein Leben in Hamburg City zwischen Drogen und Gewalt aufrollt.

Bevor Kalim (jetzt auf Apple Music streamen) auf seinem neuen Album "T.O.T.Y." den aktuellen "Trapper Of The Year" vorstellt, lohnt es sich in dieses skrupellose Gossen-Panorama zurückzukehren. Der Billstedter hat mit "Odyssee 579" einen Straßenrap-Klassiker erschaffen, der eine einzigartige Atmosphäre erzeugt. Er liefert eine unerbittliche Nahaufnahme von dunklen Orten. Gib ihm!

Wenn der "Plan B" greift

Wer wissen will, warum Kalim überhaupt rappt, muss "Odyssee 579" nur starten. Die Musik bietet ihm einen Ausweg aus der Kriminalität. Seinen persönlichen "Plan B" verfolgt er für die Familie. Es geht auch darum, das Risiko für die Menschen zu minimieren, die ihm etwas bedeuten. Dabei handelt der Hamburger mit der Ware, die erst einmal jeder Straßenrapper in rauen Mengen verspricht: Authentizität. Wie Kalim die Worte setzt und mit seiner Stimme spielt, lässt Zweifler verstummen: "Jede Zeile, die ich schreib', entspricht der Wahrheit und stammt aus finsteren Zeiten."

Immer wieder macht Kalim auf seinem Debüt klar, dass er tief in der Materie steckt. Das gilt sowohl für Drogengeschäfte als auch für Rap. Beim Abpacken der Ware wird Snoop Doggs Klassiker "Doggystyle" gepumpt. Beats der New Yorker Producer-Legende Pete Rock dienen als Inspiration für eigene Rapversuche. Die Einflüsse sind vielfältig. Biggies Klassiker "What's Beef" ("mach' dich weg") wird genauso herangezogen wie eine Line aus dem Werk des damaligen Labelbosses Xatar. Bei Kalim ist ebenfalls die Vergangenheit für immer Teil der Gegenwart:

"Es sind Straßengeschichten / Die all' diese Narben berichten" Kalim auf "Bis spät in die Nacht"

Kalims radikale Erzählung ist an Hamburg und einschlägige Viertel gekoppelt. Verweise auf Hammaburg-Ost ziehen sich durch das gesamte Album. Es sind bitterernste Beschreibungen vom Stadtrand, den Hochhaus-Blocks, dem Rotlicht. Gegenden, wo sich bei Kalim Tiefpunkt an Tiefpunkt reiht. Aus dieser Parallelwelt heraus, die sich dem Arm des Gesetzes entzieht, baut Kalim ein bedrohliches Setting auf. Es sind wahrhaftig "eklige Nächte", die er Track für Track ausleuchtet. Auch ohne persönlichen Bezug zur Hansestadt spulen sich im Kopf kaltblütige Szenen ab. Kalim lässt die Mittelfinger sprechen und verwandelt seine Geschichte in eine Abfolge von Straßenrap-Brechern.

Diesen Abschnitt aus seiner Biografie versieht er auf "mg" mit dem "Echtheitszertifkat". Seine Musik transportiert diese Realness mit größtmöglicher Härte. Nicht aus Selbstzweck: Er will den "Endkonsumenten auf Sendung" zukünftig aus dem Weg gehen können. Für dieses Ziel erschafft er Kunst, die jeden Hype überdauert.

Kalims Odyssee: "Scheiß auf Gefühle, jetzt wird Umsatz gemacht"

"Odyssee 579" fährt eine Vielzahl knallharter Hood-Storys auf. Scheinbar ohne Empathie rekapituliert Kalim die Geschehnisse auf der Straße. All die angestaute Wut auf "ZahlTag" bricht in jedem einzelnen "P*ssy" hervor. Er gibt sich Rachegelüsten hin. Diskussionen werden als unnötig eingestuft. Kalim nimmt sich, was erforderlich ist, um in dieser Welt zu bestehen. Das macht auch Jahre zuvor schon Haftbefehl. Aber wo der Offenbacher ein Augenzwinkern einstreut, lässt Kalim die Ansage "ich nehm dir alles weg" auf "Ja, immer." für sich stehen.

Die Jagd nach dem Cash-Bündeln erfolgt mit allen Mitteln. Nach dem Hören des Albums kennt man diverse Waffen-Fabrikate und ein umfangreiches Drogensortiment. Kalim ringt mit dem Chaos, das dieser Lebensstil mit sich bringt. Einfache Prinzipien schaffen Struktur: "Tod dem Verräter" rappt er auf "8QM". Doch es finden sich auch kurze Momente, die losgelöst vom Straßen-Kodex alles infrage stellen. Die seltene Botschaft fräst sich durch ein nachdrückliches "Lass den sitzen!" regelrecht ein.

"Lieber Gott, bitte vergebe meine Sünden / Eigentlich geht's uns gut, deshalb kann ich meine Taten nicht begründen" – Kalim auf "mg"

Solche Ausreißer ins Emotionale werden zumeist von der nächsten Ladung Blei gedeckelt. Neben der Brutalität der Straße lenkt Kalim den Blick auf Statussymbole. Das Ankommen in dieser Gesellschaft ist eng mit Luxus verbunden. Teure Wagen fahren durch die Nacht, wenn die "Soldaten auf der Straße mit Päckchen" unterwegs sind. Auch sie sind dem Songtitel entsprechend "HunGrig" auf ein Dasein ohne finanzielle Sorgen. Der vermeintliche Leitsatz zum Glück: "Geld zaubert Depressionen weg". Fast folgerichtig stehen mit den früheren AoN-Kollegen Xatar und SSIO die "Nougapreise" im Fokus. Der heutige CEO von Goldmann Music unterstreicht dabei kurzerhand Kalims Echtheitszertifikat: "Hab dich gesigned vom Knast, Bra / Gehyped von Sadats und weil du der Realste seit 2008 warst".

Es gibt tatsächlich aber auch ausgiebigere Pausen von diesem umsatzgetriebenen Trip. Hier wird Luft geholt. Abschied genommen. Mit Lockerheit experimentiert. Auf nachfolgenden Alben baut Kalim diese Seite nach und nach aus.

"Null auf Hundert" - wie Kalim Straßenrap enteilt ist

"Mieser Anfang, dann okay"

Als Hörer von "Odyssee 579" verspürt man fast schon Erleichterung, dass es Hits von Marteria in die Hamburger Blocks geschafft haben. In "RS7" hält der Chartbreaker "Lila Wolken" Einzug. In "PlayList" mit Trettmann kommt "Kids (2 Finger an den Kopf)" als Referenz vor. Hier ist sogar für die Dauer eines kompletten Tracks die Stimmung zumindest "okay". Solche Augenblicke bieten seltene Verschnaufpausen auf dieser Odyssee, die einen auf den Beifahrersitz presst, während Kalim Kickdown zur nächsten Warenübergabe gibt. Mit dem Feature von Chefket verhält es sich ähnlich. Auf dem finalen Track "Odyssee Freestyl'" wird Kalims verstorbenen Freund Faruk ein musikalisches Denkmal gesetzt. Ein sanfter Blick ins Innere nach all den Eskalationen.

Warum Kalims Schilderungen derart eindringlich wirken, liegt auch am Soundbild des Albums. Seit seinem zwölften Lebensjahr sei er in der Trap unterwegs, wie er 2017 in einem Interview mit der Juice angibt. Mit dem Begriff Trap als Kategorisierung für Musik könne er hingegen nichts anfangen. Dennoch sind Element des Südstaaten-Sounds fest in "Odyssee 579" verankert. Die typischen AoN-Trademarks blitzen einen Song lang auf ("Nougapreise"), aber ordnen sich dem Gesamtwerk unter. Mit diesem Schritt sorgt Kalim zu jener Zeit für ein Alleinstellungsmerkmal im Camp von Alles oder Nix.

An seiner Seite ist wie heute Bawer, der damals noch unter den Namen David Crates produziert. Für "mg" zeigt sich Ghanaian Stallion verantwortlich. Ihnen gelingt es, Kalims Vergangenheit im Traphouse als knallharten Kampf abzubilden. Keine Party-Anthems, keine catchy Autotune-Hooks, kein Skip-Material: Irgendwann ist der Krieg einfach vorbei. Die Konsequenzen dieses Lebens benannt. Die letzten Dum-Dum-Geschosse abgefeuert. Auch Jahre nach Release immer noch eine Odyssee ohne Abnutzungserscheinungen. Ein Klassiker.

"Die Jahre vergehen, doch die Mucke hält unendlich" – Kalim auf "PlayList"

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