Danke, Casper! [Meinung]

 

Casper tritt 2011 bei tape.tv auf. Deutschrap durchlebt eine Art Sinnkrise und so richtig spannend ist wenig. Als er dort live den Song "Michael X" spielt, passiert etwas. Jeder in dem Raum hört gebannt zu, wie sich diese zutiefst persönliche Story entfaltet. Alle sind ergriffen. Mir ist schlagartig bewusst, dass es für mich kein Vorbeikommen am dazugehörigen Album "XOXO" geben wird. Über zehn Jahre später ist Casper immer noch da und verpackt die kleinen und großen Themen des Lebens in emotionale Songs. Zur absoluten Hardcore-Fanbase zähle ich wohl nicht. Anlässlich der Veröffentlichung von "Alles war schön und nichts tat weh" ist es aber an der Zeit, einfach mal Danke zu sagen.

1. Danke für das Grenzen-Sprengen

So ein Casper-Album ist zumeist eine schwere Geburt. Das lässt der Künstler selbst Platte für Platte durchblicken. Ein "absoluter Krampf" sei der Albumprozess abgesehen von "Alles war schön und nichts tat weh" immer gewesen, erklärt er neulich noch einmal im Kulturmagazin Aspekte.

Bereits vor "XOXO" wurde Casper als das nächste Ding für Deutschrap gehandelt. Das Debütalbum "Hin zur Sonne" (2008) schürte Erwartungen. Da muss man erstmal abliefern. Vielleicht auch aus Selbstschutz nimmt Casper die Möglichkeit vom schönen Scheitern auf "Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt.1)" vorweg. Doch die Unsicherheit weicht einem Befreiungsschlag. "XOXO" ist schließlich genau der Knotenlöser, zu dem das Album vorherbestimmt war.

Hier verschmelzen Indie-, Post-Rock und Rap zu einem so nie dagewesenen Mix. Ein druckvoll wabernder Dexter-Beat auf "Blut sehen (Die Vergessenen Pt.2)" fällt nicht aus dem Rahmen, sondern baut eine Rampe in eine neue Deutschrapwelt. Das hat mich genau da abgeholt, wo ich war: Zwischen Binge-Watching von Mixery Raw Deluxe Interviews, immer noch Bloc Partys "Silent Alarm" in der Heavy Rotation und Deftones-Karten in der Schreibtischschublade.

Auch "Hinterland" kommt Jahre später zum richtigen Zeitpunkt. Innerhalb der Deutschrap-Bubble muss erstmal jemand darauf kommen, Arcade Fire und Bruce Springsteen als Inspiration heranzuziehen. Casper tut es und gewinnt. Ich hätte mir kaum vorstellen können, dass nach "XOXO" etwas wartet, das nicht direkt nach Selbstzitat klingt. Doch "Hinterland" rollt den Casper-Sound noch eine Spur breiter aus. Casper baut eine Brücke zum Stadion-Bombast, ohne mit einem Bono-Gedächtnis-"Yeah Yeah Yeah" genau danach zu geiern. Get Well Soon-Mastermind Konstantin Gropper hilft, all das in die Tat umzusetzen. Hinten raus bekommt man mit "Endlich angekommen" A$AP-Vibes geboten. Die etwas andere "Folk-Platte", wie Casper sein drittes Album seinerzeit in Interviews nennt, bedeutet mir schließlich nicht die Welt, aber sorgt nicht nur "Im Ascheregen" für Euphorie.

Den Nachfolger um ein Jahr zu schieben, ist eine gewagte Sache. Erneut auf andere Sounds zu setzen natürlich ebenso. Auch hier gilt: Casper macht, was Casper macht. Der Industrial-Ansatz auf "Lang lebe der Tod" birgt dabei nicht weniger Risiko als bei den Projekten zuvor. Nine Inch Nails-Anleihen, Einstürzende Neubauten, Dagobert und Sizarr als Features und dann noch dieses "Das weisse Band"-Musikvideo zum Titeltrack. Mutig und mächtig zugleich.

Es ist 2016 und ich bin nach diesem Vorabeindruck wieder bei Casper am Start – nur um mich pünktlich zum Release zu verabschieden. Hinter dem Stacheldraht des Covers sind mir zu viele der Songs zu egal. Um zurück in diesen Strudel der vorigen Releases gezogen zu werden, reicht es nicht. Dennoch ist das Finale von "Flacken, flimmern" toll. Die Kraft des Ausbruchs gegen Ende des Songs kratzt ein bisschen an der Atmosphäre, die sonst Bands wie Mogwai oder Sigur Rós zu ihrem Trademark erhoben haben.

Mit den Vorabsingles von "Alles war schön und nichts tat weh" macht sich bei mir nun endgültig die Erkenntnis breit, dass sich zu Casper-Tracks die ganz großen Gefühle nicht mehr einstellen wollen. Das ist schätzungsweise einfach okay. Das ist der Lauf der Dinge. Die Rapparts zur Adaption von Haiytis "Wolken" ballern trotzdem. In "Billie Jo"  etwa gewährt Casper intime Einblicke in eine Familien-Tragödie. Es ist die Geschichte seiner Cousine. Dieses Mal kommen während des Interview-Marathons Nick Cave, The Flaming Lips, Grateful Dead oder auch Bon Iver als Einflüsse zur Geltung. Die Herangehensweise und das (hohe) Niveau haben sich bei Casper gehalten, nur mein eigener Zugang dazu hat gelitten – der Musik-Nerd in mir bekommt dennoch weiter reichlich Futter.

2. Danke für das Kopfzerbrechen

Es gibt wohl auf der Deutschrap-Map kaum jemanden, der in seinen Lyrics so konsequent Zitate und Querverweise ineinander verschachtelt wie Casper. Zusätzlich sind diese popkulturellen Mosaike sehr sorgfältig zusammengestellt. Das kann so nicht jeder. Das kann vor allem Casper. Selbst nach dem x-ten Hören seiner Alben dürfte man noch etwas darin finden, das einem vorher nicht aufgefallen ist. Das ist so geplant und lässt sich auch als Herausforderung begreifen. Wobei vielleicht nie alles entschlüsselt werden soll. Dass Casper allzu gut weiß, was er da vor dem Publikum ausbreitet, bezeugt er vor Jahren auf "Lux Lisbon".
 

"Die versteckten Anspielungen drin kriegt keiner mit /
Aber die Massen, alle singen das mit"

Nicht nur in den Texten verbirgt sich ein unendlicher Reichtum. Oftmals wird auch ein Sample zum Kommentar. In "Deborah" - einem Track über Depressionen - kommt ein Stück aus "Regen für immer" der Hamburger Hiphop-Formation Doppelkopf zum Tragen. Diesen immensen Detailreichtum hat Casper sich über all die Jahre beibehalten.

Allein der Titel des neuen Albums "Alles war schön und nichts tat weh" bietet zunächst eine Vielzahl von Anlaufpunkten. Er lässt sich als Anspielung auf einen Track der deutschen Alternative-Punker Muff Potter aus dem Jahr 2009 lesen. Der US-Musiker Moby hat 2018 ein Album mit dem Titel "Everything was beautiful, and nothing hurts" veröffentlicht. Doch auch das ist nicht der Ursprung von Caspers Idee, sein erstes Album nach fast fünf Jahren derart zu betiteln. In einem Antikriegsroman von Kurt Vonnegut aus dem Jahr 1969 taucht der entscheidende Satz auf. Er steht auf einem Grabstein. In Hinblick auf seinen Werdegang hat sich diese Inschrift für Casper als "tolle Metapher" erschlossen, wie er Aria Nejati im Interview auf Apple Music erklärt.

So geht es das die ganze Zeit bei Casper zu. Bukowsky, David Foster Wallace, Turbostaat, Tomte, Tocotronic, Die Goldenen Zitronen, Ton Steine Scherben etc. – der Fan von Arminia Bielefeld hat so seine Favoriten und verbaut sie in seiner Musik. Dazu mischen sich Anspielungen auf Filme und allerlei Selbstreferenzielles. Wer hier einmal anfängt zu graben, der wird im Stile des YouTube-Algorithmus in immer nischigere Ecken gezogen. Dank Casper bin ich so über die Jahre auf manche Dinge gestoßen, die mir wahrscheinlich sonst verschlossen geblieben wären.

Caspers Alben taugen locker als Guide durch die letzten Jahrzehnte Popkultur. Die Annotations auf Genius zu checken, bringt hier tatsächlich Mehrwert, selbst wenn nicht alles 100 prozentig korrekt ist und Casper sich über Falschinterpretationen früher "sehr geärgert" habe, wie er ebenfalls im Talk bei Aspekte ausplaudert.

Casper verleiht seinem Werk auch 2022 eine ihm eigene Tiefe, wo sonst bei Playlisten & Co. allzu viel über bloße Oberfläche funktioniert. Caspers ausgelegten Spuren zu folgen, macht auch heutzutage einfach Spaß.

Eine ganz besondere Belohnung für alle, die länger dabei sind, liefert die Tracklist von "Alles war schön und nichts tat weh" durch das Erscheinen des Namens einer besonderen Künstlerin. Der, sagen wir mal, Landrut-Zyklus findet seinen vorläufig versöhnlichen Abschluss. Nach einem eher eigenartigen Aufeinandertreffen bei "Inas Nacht" (2011), der fast schon giftigen Begegnung beim Arte-Format "Durch die Nacht mit ..." sowie dem kurzen Cameo-Auftritt im Video zu "Supernova" steht nun tatsächlich ein gemeinsamer Song bevor. Es hat etwas von einem Inside-Joke, den Casper hier für seine Fans öffentlich mit Lena Meyer-Landrut auf "Lass es Rosen für mich regnen" zuende erzählt. "Laune so gut, kann mir nicht mal die Landrut versau'n" ( Casper auf dem Freetrack "Nie auf" um 2012) – diese Phase wird jetzt zehn Jahre später auch musikalisch abgehakt.

3. Danke für den Live-Abriss

Inzwischen habe ich Capser bestimmt sechs- oder siebenmal live sehen dürfen. Vom Club-Gig in Kiel bis zur größten Festival-Crowd: Das Energie-Level bei einem Casper-Konzert ist immer hoch. Er sorgt scheinbar mühelos dafür, dass bei allen Beteiligten der Druck steigt, sich entlädt und das Ganze etwas Rauschhaftes bekommt. Casper gehört nicht zu The Roots, aber stellt mit großer Selbstverständlichkeit eine Band auf die Bühne. Auch den Live-Sektor bespielt Casper large und vielschichtig.

Die legendäre Festival-Blog-Reihe hat dazu den Spirit einer Klassenfahrt. Sie dokumentiert den Umgang mit dem totalen Durchbruch und all dem Wahnsinn, der da seinerzeit auf Casper einprasselt. Sehr wahrscheinlich ist es kein Kinderspiel, immer auf Knopfdruck funktionieren zu müssen. Beim Konzert bleibt das zumeist unbemerkt. Hier schreit alles: Casper Bumayé!

Das letzte Mal bei der Open-Air-Tour zur Marteria-Kollabo "1982" will bei mir nicht so richtig Vorfreude aufkommen. Vor Ort sieht die Sache schließlich anders aus. Dann rappt man doch wieder alles mit. Dann melden sich die Erinnerungen. Dann ist es plötzlich exakt das Richtige. Und das Erlebnis ist gar nicht mehr so weit von den "XOXO"-Feelings entfernt, die mich einst haben innehalten lassen.

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