Die Charts bestimmen nicht, wie gut ein Album ist [Meinung]
Fler, OG Keemo und der Award der deutschen Charts

 

Kaum etwas im Deutschrap ist schlimmer als das Abfeiern von Chartpositionen. Durch Fans.

Die Charts haben keine Relevanz für Fans

Jeden Freitag um 16 Uhr ist es so weit – die Album- und Singlecharts der vergangenen Woche werden veröffentlicht. Genau so gespannt, wenn nicht sogar noch ein bisschen gespannter als der Rapper, um dessen Werk es geht, sind Fans. Fans anderer Rapper, die dann endlich schadenfroh mit dem Finger zeigen und über vermeintlich schlechte Verkaufszahlen lachen können.

Das "Mein Rapper ist besser als dein Rapper, weil mehr Menschen ihm Geld in den Rachen werfen"-Argument ist aktuell gefühlt präsenter denn je. Was besonders absurd dadurch wird, dass es dann auch noch häufig von den realsten der Realkeepern vorgetragen wird. Fans nicht-kommerzieller Rapper lachen über Fans anderer nicht-kommerzieller Rapper aufgrund ausbleibendem kommerziellen Erfolg. Dabei würde diese Argumentation im Umkehrschluss bedeuten, Pop-Rapper wären die besten Künstler Deutschlands.

So kannst du als Rapper gar nicht gewinnen. Machst du kommerziellen Sound und rasierst die Charts, bist du ein Opfer, weil du dich anpasst und Popmusik machst. Landest du mit „echtem“ Hiphop hinter irgendwelchen Schlagersängern, bist du das Opfer, weil du nicht genug verkaufst.
Das eigentliche Opfer ist aber der Fan, dem ernsthaft etwas an Chartpositionen liegt. Denn wie qualitativ hochwertig die Musik am Ende ist, ist vielen dabei völlig egal.

Die Charts haben Relevanz für Rapper

Normal freust du dich als Rapper, wenn du besser chartest. Du hast gut verdient und im besten Fall auch deinen „Marktwert“ für zukünftige Deals gesteigert. Immerhin hast du bewiesen, dass du Geld reinholen kannst. Wer allerdings gar nichts davon hat, ist der Fan. Zum Teil erwachsene Menschen ergötzen sich an den besonders hohen Einnahmen oder vergleichsweise niedrigen Einnahmen anderer Erwachsener. Oder im schlimmsten Fall von irgendwelchen Kindern. Selbst für die Deutschrap-Szene eine relativ peinliche Praktik.

Es ist absolut legitim, sich beispielsweise für einen Künstler zu freuen, den man lange verfolgt oder der sich viele Jahre abgemüht hat. Montez' Nummer-1-Single "Auf und Ab" (jetzt auf Apple Music streamen) ist immerhin der Beweis, dass sich ein Jahrzehnt der harten Arbeit auszahlen kann. Ein freudiger Anlass für Montez und ein cooles Zeichen für die ganze Szene. Aber auch hier gilt: Ihm auf der einen Seite den kommerziellen Erfolg zu gönnen und auf der anderen Seite die Musik an ebendiesem zu messen, sind zwei gänzlich unterschiedliche Paar Schuhe.

Würde OG Keemo mit „Mann beisst Hund“ nicht in den Top 3 landen, sondern auf Platz 32, wäre sein Album dann schlechter? Wer diese Frage mit Nein beantwortet, entsagt den Charts jegliches Urteilsvermögen über Qualität. Und wer mit Ja antwortet, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Erst wenn die Effekthascherei der vorverkauften Boxen, die für die erste Verkaufswoche mitgewertet werden, verflogen ist, zeigt sich, ob die Musik tatsächlich die nächste und übernächste Charge der Deutschrap-Fabrik überdauern kann

Das Gleiche gilt für Fler & Hengzt sowie Kollegah, die zuletzt mit jeweils äußerst stabilen Alben auf Platz 3 und Platz 5 gechartet sind. Klar kann man sich da über den vermeintlichen „Misserfolg“ freuen, weil es nicht die 1 geworden ist. Aber dann geht auch Versengold hören.

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