6ix9ine kann sich den "King of New York"-Titel abschminken
Rapper Tekashi 6ix9ine (l.) und die Skyline von New York (r.)

 

Es sind auf dem Papier nur vier Jahre, aber 2018 fühlt sich wie eine Ewigkeit entfernt an. Die Welt war eine andere. Auch für Daniel Hernandez, besser bekannt als 6ix9ine oder (wie er es selbst am liebsten hören würde) der "King of New York". Was zwei Jahre vor einer gewissen Pandemie noch irgendwie mit Zahlen und Hype belegbar war, wirkt heute wie die einzige nennenswerte und längst ausgelutschte Punchline eines Comedians, der auch 15 Jahre danach noch mit null neuem Output auf Tour gehen will.

2018: 6ix9ine, King of New York?

Der Junge hatte einen Lauf, da kann man nichts sagen. Nach dem Durchbruch mit "GUMMO" startete er 2017 einen Run mit einer Hot 100 Single nach der anderen. An 6ix9ines Seite waren in dieser Zeit – zumindest für zwei Tracks – auch zwei Persönlichkeiten, die zuvor durchaus mal monarchische Ansprüche im Big Apple erheben durften: 50 Cent ("Get The Strap") und Nicki Minaj ("FEFE"). Trotz des immer spürbaren Meme-Faktors zeigten certified Rap-Legenden sich mit dem unverwechselbar bunten Boy.

Straßentechnisch hatte 6ix9ine sich als Teil der Nine Trey Gangsters zweifelhafte Kredibilität erarbeitet. Rote Bandanas gehörten zum Standard-Repertoire in seinen Musikvideos zu dieser Zeit. Jeder sprach über ihn. Ob New York oder Ruhrpott - man kam nicht um den Kerl herum und sein Hype gab dem Claim "King of New York" eine gewisse Legitimität.

Wäre er nicht dieser King, dann hätte ihn jemand gestoppt, sagte er damals auf Instagram. Sicher gab es auch andere Kandidat*innen, aber niemandem schien dieser Titel so viel zu bedeuten. Denn für niemanden waren Sichtbarkeit und Omnipräsenz so wichtig wie für den Kerl, dem ständig das Schicksal diverser viraler Phänomene zu drohen schien. Kennt ihr noch den Harlem Shake? Wir haben alle mal kurz drüber gelacht und dann war es auch wieder gut.

Der Downfall & das Comeback

Während 6ix9ine seine Gang verriet, um eine Haftstrafe wegen Verabredung zum Mord und bewaffnetem Raubüberfall zu reduzieren, hatte schon ein neuer Player die Bühne betreten. Pop Smoke brachte den Drill nach New York. Er überrollte nicht nur die Stadt, sondern die ganze Welt mit einem Hype für eine neue Spielart des Subgenres, das im Vereinigten Königreich und einigen US-amerikanischen Städten wie Chicago nichts Neues war.

"I'm the king of New York, Melo", rappte dieser auf seinem posthum erschienenen Song "Hello". Auch zu diesem Zeitpunkt war er noch mehr King von irgendwas, als 6ix9ine es in absehbarer Zeit sein wird.

Seine Legitimität als authentischer (wenn auch extravaganter) Straßen - oder gar Gangsta-Rapper hat er nämlich längst verloren. Der Joke mit den bunten Haaren und den ganzen Tattoos wurde nun schon mehrfach erzählt. Dem Rapstyle, anfangs mit seiner Energie gar nicht mal uninteressant, kann er auch keine eigenen Impulse mehr geben. Die neueste Kostprobe ist unüberhörbar an den Uptempo-Afrotrap des französischen Rappers JuL angelehnt:


Zwei Jahre später den Stil aus Frankreich kopieren? Das sind eher deutsche Verhältnisse als die des angeblichen Kings einer der wichtigsten Hiphop-Städte der Welt.

Und ich will keineswegs diese ganze Gang-Affiliation-Sache glorifizieren. Aber wenn 6ix9ine demonstrativ, umringt von Securities, irgendwo für ein 2-Minuten-Video aus dem Auto springt, um zu zeigen, dass er sich frei bewegen kann, dann wirkt das eher verzweifelt als souverän. Wer auch immer ihn in den letzten zwei Jahren umgibt, macht stets den Eindruck eines Söldners. Vielleicht sind die Jungs, die in seinem Instagram-Clip zu sehen sind, auch genau das. Seine Zuverlässigkeit gegenüber vermeintlichen Homies dürfte für sie jedenfalls kein Argument für hochmotiviertes Klatschen in Internet-Clips sein.

Der Witz ist auserzählt

Vielleicht ist 6ix9ine der Troll, den die Medienwelt der Gegenwart verdient; eine logische Konsequenz aus dem Kampf um die Aufmerksamkeit des allmächtigen Algorithmus. Aber Social-Media-Goldgräber-Hype im Rap ist eh vorbei. Könnt ihr RIN fragen. Und – das kann ich euch aus Erfahrung erzählen – die Algorithmen von Meta und Co erkennen Re-Posts, also das erneute Teilen des gleichen Contents. Diese Analogie mag in der technischen Praxis vielleicht nicht für 6ix9ines "King of New York"-Mantra gelten. Dennoch dürften die meisten Konsument*innen längst übersättigt sein.

Zu allem Überfluss gibt es längst andere Thronanwärter*innen (die hat es natürlich immer gegeben, auch 2018). Fivio Foreign etwa. Der 32-Jährige hat gerade sein Debütalbum "B.I.B.L.E." veröffentlicht. Zu diesem Anlass ziert sein Gesicht nicht nur den weltberühmten Times Square, er ist auch mit Artikel in der NY Times und Daily News vertreten. Zeitweise waren die Top 5 Songs in New York allesamt von Fivio. Einen Kommentar zu 6ix9ines Caption konnte er sich nicht verkneifen:

Ob er jetzt der neue King of New York ist, kann ich nicht beantworten. Es gibt sicher einige Kandidat*innen. Aber einige Punkte hat er durchaus auf seiner Seite: Eine neue Hymne für die Stadt am Hudson River? – Kommt von Fivio, in bester Jay-Z-Manier. "City of Gods" mit Kanye West und Alicia Keys fühlt sich an wie der inoffizieller Nachfolger zu "Empire State of Mind" (2009). Ye erklärt am Ende seines Parts, den Fivio als "crazy" angepriesen hatte: "This is the new New York".

 

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